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Steuerungs-Retrofit S7 und TIA Portal in der Schweizer Lebensmittelindustrie: Vorgehen, Migration, Inbetriebnahme

· VLD Service
AutomatisierungSPSRetrofitTIA PortalLebensmittelindustrie

Viele Anlagen in der Schweizer Lebensmittelindustrie laufen seit fünfzehn, zwanzig oder mehr Jahren auf Siemens-Steuerungen der Generation S7-300 oder S7-400. Die Mechanik ist solide, das Anlagenkonzept oft besser als das, was heute neu gekauft würde. Aber die Steuerung erreicht das Ende ihrer Lebensdauer: Ersatzteile werden knapp, das Engineering-Tool STEP 7 Classic ist abgekündigt, Sicherheitsfunktionen entsprechen nicht mehr den aktuellen Normen. Ein vollständiger Anlagenneubau wäre überdimensioniert und teuer. Die Lösung heisst Steuerungs-Retrofit.

Was bedeutet Steuerungs-Retrofit konkret

Ein Steuerungs-Retrofit ersetzt die SPS-Hardware und migriert das Anwendungsprogramm auf eine moderne Plattform — typischerweise von S7-300 auf S7-1500 mit Engineering im TIA Portal. Die Anlagenmechanik, Antriebe, Sensoren, Aktoren und Bedienpanels bleiben in der Regel erhalten oder werden gezielt modernisiert. Ziel: dieselbe Anlage, aber zehn Jahre Zukunft.

Typische Auslöser in der Schweizer Lebensmittelproduktion:

  • Abkündigung S7-300/S7-400: Siemens hat den klassischen Vertrieb 2023 eingestellt. Ersatzteile nur noch via Spares-Pool, mit langen Lieferzeiten
  • STEP 7 Classic läuft aus: Letzte unterstützte Windows-Version, keine neuen Funktionen mehr. TIA Portal ist die Zukunft
  • Funktionale Sicherheit: Alte Anlagen erfüllen oft nicht EN ISO 13849 PL d/e. Bei jeder grösseren Anpassung ist neu zu bewerten
  • Anbindung an MES/ERP: OPC UA, MQTT, REST-Schnittstellen sind mit alten CPUs schwierig
  • Audit-Anforderungen: IFS/BRC fragen zunehmend nach dokumentierten Steuerungen, Rezeptverwaltung, Rückverfolgbarkeit

Migrationspfade: welche CPU-Klasse für welche Anlage

Das TIA Portal unterstützt Migrationsassistenten von S7-300 nach S7-1500. Die Wahl der Ziel-CPU hängt vom Anlagenumfang ab:

S7-1200: Für kleinere Anlagen bis ca. 30 IO-Module, einfache Logik, kein hoher Determinismus erforderlich. Typisch: Reinigungsanlagen, einzelne Förderbänder, Verpackungsmodule.

S7-1500 (1511/1513): Mittlere Anlagen. Bessere Performance, mehr Konnektivität, integrierte Webserver-Funktionen. Standard für die meisten Lebensmittelanlagen.

S7-1500F: Wenn funktionale Sicherheit Teil der Steuerung sein soll (Safety-CPU). Pflicht bei Schutzkreisen, die nicht hardwareseitig gelöst werden. In Schweizer Lebensmittelbetrieben oft gewünscht, da sie Verkabelung und Wartung vereinfacht.

S7-1500T: Für Anlagen mit Motion Control (synchronisierte Achsen, Cam Control). Relevant bei Verpackungslinien, Robotik, Hochgeschwindigkeitsmaschinen.

Die Entscheidung treffen wir gemeinsam mit dem Anlagenverantwortlichen nach einer Bestandsaufnahme vor Ort.

Vorgehen: vom Audit bis zur Inbetriebnahme

1. Bestandsaufnahme (1–2 Tage)

Vor Ort: alle CPUs, IO-Karten, Antriebe, HMIs erfassen. Bestehende Software extrahieren und sichern. Mit der Anlagenführung sprechen — welche Funktionen schmerzen heute, was wäre der Wunsch für morgen? Die Bestandsaufnahme ist die Grundlage für eine seriöse Kostenschätzung.

2. Migration der Software

Im TIA Portal: STEP-7-Classic-Projekt importieren, automatische Konvertierung laufen lassen, dann manuelle Nacharbeit. Erfahrungswert: 60–80 % des Codes wird sauber konvertiert, 20–40 % brauchen Anpassung. Häufige Stellen:

  • Adressierung: optimierte Bausteine im TIA Portal nutzen symbolische Adressierung — bestehender Code mit Absolutadressen muss überarbeitet werden
  • HMI-Bilder: WinCC flexible / Classic muss auf WinCC Comfort/Advanced migriert werden
  • Bibliotheken: alte Bibliotheken (z. B. Modicon-Treiber, OEM-spezifische FBs) müssen ersetzt oder neu programmiert werden

3. Funktionale Sicherheit neu bewerten

Bei jedem Retrofit überprüfen wir die Sicherheitsfunktionen nach EN ISO 13849. Häufig zeigt sich, dass die alte Anlage zwar funktioniert, aber die geforderte Performance Level (PL d oder e) nicht dokumentiert nachweist. Ein Retrofit ist der natürliche Moment, das gerade zu rücken.

4. Test im Werk (Factory Acceptance Test)

Bevor die Anlage stillgelegt wird, testen wir die neue Steuerung im Werk so weit wie möglich. Simulationen, Hardware-in-the-Loop, Trockenläufe — das spart später Stunden auf der Baustelle.

5. Umbau auf der Anlage

Hier zählt jede Minute. Typischer Ablauf bei einem Wochenend-Stillstand:

  • Freitag Abend: Produktion läuft aus, Reinigung
  • Samstag Morgen: alte CPU und IO-Karten ausbauen, neue Hardware einbauen, Verdrahtung kontrollieren
  • Samstag Nachmittag: CPU laden, IO-Check, erste Funktionsprüfungen
  • Sonntag: Probelauf mit Produkt-Wasser / Reinigungslauf, Feinjustierung
  • Sonntag Abend / Montag Morgen: Produktion wieder anfahren

Bei grösseren Anlagen verteilen wir das auf zwei Wochenenden mit Zwischenbetrieb.

6. Hypercare-Phase (1–2 Wochen)

Nach Wiederanlauf: Techniker erreichbar, schnelles Eingreifen bei unerwarteten Verhalten. Hier zeigen sich die Edge Cases, die im FAT nicht abgedeckt waren.

Typische Risiken — und wie man sie entschärft

Risiko: Verzug bei der Inbetriebnahme. Der Wochenend-Stillstand reicht nicht, am Montag steht die Produktion. Entschärfung: sauberer FAT, Pufferzeiten einplanen, klares Rückfallszenario auf alte Steuerung definieren (alte Hardware nicht sofort verschrotten).

Risiko: HMI-Bedienpanels funktionieren nicht mehr richtig. WinCC-Migration bringt oft subtile Änderungen — Trends, Rezepte, Berechtigungen verhalten sich anders. Entschärfung: Bedienpersonal frühzeitig einbinden, parallel an einem Test-HMI üben lassen.

Risiko: Antriebe werden nicht korrekt angesteuert. Profibus-DP-Antriebe auf Profinet umzustellen ist Mehrarbeit. Oft praktikabler: Profibus weiter nutzen über CM-Module der S7-1500. Entschärfung: in der Bestandsaufnahme entscheiden, was migriert wird und was bleibt.

Risiko: Lebensmittel-spezifische Anforderungen unterschätzt. Hygiene, CIP-Steuerung, Rezeptverwaltung, Chargenrückverfolgung — ein generischer Industriebauer übersieht das oft. Entschärfung: Retrofit-Partner mit Branchenerfahrung wählen.

Kostenfaktoren — was den Preis treibt

Wir veröffentlichen keine Tariflisten, aber die Faktoren sind transparent:

  • Anzahl IO und Komplexität der Mechanik: mehr Karten, mehr Verdrahtungsarbeit
  • Qualität der bestehenden Dokumentation: ist das Logikdiagramm aktuell? Existieren P&IDs? Schlechte Doku verdoppelt die Engineering-Stunden
  • Funktionale Sicherheit: Safety-CPU + zertifizierte Sicherheitskreise erhöhen den Aufwand, sparen aber Verkabelung
  • Stillstandsfenster: ein Wochenende ist günstiger als zwei, aber riskanter
  • HMI-Migration: wenn parallel auf neue Panel-Generation gewechselt wird (WinCC Unified, Industrial Edge), zusätzlicher Aufwand

Eine seriöse Offerte beginnt immer mit einer Bestandsaufnahme. Sie geht in der Regel als eigene, kleine Position auf der Rechnung — und ist die einzige Grundlage für eine belastbare Kostenschätzung.

Wann ein Retrofit, wann eine Neuanlage

Faustregel: wenn die Mechanik gesund ist, die Anlagenleistung den heutigen Bedarf deckt, und nur die Steuerung am Ende ist — Retrofit. Wenn die Mechanik verschlissen ist, die Linie zu langsam für heutige Volumen, oder das Layout sich grundlegend ändern soll — Neuanlage prüfen.

In der Schweizer Lebensmittelindustrie ist Retrofit häufig die wirtschaftlich vernünftige Wahl: solide Edelstahl-Mechanik altert langsam, die Steuerung ist der schnell veraltende Teil.

Unser Vorgehen

VLD Service plant und führt Steuerungs-Retrofits in der Schweizer Lebensmittelindustrie durch — von der Bestandsaufnahme über die Migration in TIA Portal bis zur Inbetriebnahme am Wochenende. Wir arbeiten mit Siemens S7-1200, S7-1500 und S7-1500F, programmieren in den IEC-Sprachen, integrieren WinCC HMI und binden Anlagen über OPC UA an übergeordnete Systeme an.

Wir kommen auf Wunsch zur unverbindlichen Bestandsaufnahme. Daraus entsteht ein konkretes, an Ihre Anlage angepasstes Vorgehen — keine generische Offerte aus dem Katalog.


Unabhängiger Mechatronik-Servicepartner für die Schweizer Lebensmittelindustrie. Auch Servicepartner für Maschinenhersteller im DACH-Raum.

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